Seit 40 Jahren für ein inklusives Berlin

Die Landesvereinigung Selbsthilfe Berlin e. V. feierte am 18. November 2019 im Roten Rathaus ihr 40-jähriges Bestehen. Ein gebührender Anlass, um an diesem Tag zurückzublicken, aktuelle Leuchtturm-Projekte der Selbsthilfe vorzustellen und über deren Zukunft zu sprechen.

Eines klang beim Jubiläumsevent, vor allem während des abendlichen Festakts, immer wieder durch: der Respekt für die Ausdauer, das Engagement und die Vorreiterfunktion der Landesvereinigung (LV) Selbsthilfe, die am 29.06.1979 als Selbstvertretung für Menschen mit chronischen Krankheiten und Behinderungen gegründet wurde. Ein Respekt, der verdient ist. Schließlich „hat sich die LV Selbsthilfe in Berlin schon für eine inklusive Stadtgesellschaft eingesetzt, als noch niemand wusste, was Inklusion ist“, wie Elke Breitenbach, Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales, in einer der zahlreichen Reden betonte. Die Stadt habe der LV dementsprechend viel zu verdanken. So war sie beispielsweise maßgeblich am Landesgleichberechtigungsgesetz (LGBG) beteiligt, das 1999 als erstes Gesetz zur Herstellung gleicher Lebensbedingungen von Menschen mit und ohne Behinderung in Kraft getreten ist.

Die Kräfte bündeln

Die Anfänge waren alles andere als leicht. Es seien nicht nur Widerstände in Politik und Gesellschaft zu überwinden gewesen, sondern auch die Egoismen der ursprünglich 13 Vereine, wusste Dr. Manfred Schmidt, Gründungsmitglied und heutiger Ehrenvorsitzender der LV, zu berichten. Ein langer Weg habe zu dem heutigen Dachverband geführt, der 65 Vereine mit über 65.000 Mitgliedern vertritt. Im Grunde sei es erst nach der Wiedervereinigung gelungen, schrittweise die Bewegung zusammenzuführen. Doch trotz vieler Etappensiege steht noch ein mindestens ebenso langer Weg bevor. Daran ließen die meisten Redner keinen Zweifel. Gerlinde Bendzuck, Vorsitzende der LV, wies in diesem Zusammenhang auf viele aktuelle Herausforderungen hin, wie den Pränataltest oder die Ignoranz von Barrierefreiheit im digitalen Bereich.

Umso wichtiger sei es für die Selbsthilfebewegung, so resümierte Aljoscha Burchardt vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz nach dem Workshop „Digitalisierung als Inklusions-Chance“, nicht in Schubladendenken zu verfallen und damit vorherrschende Muster in der Gesellschaft zu reproduzieren, sondern die Kräfte zu bündeln. Der Workshop fand am Nachmittag parallel zu drei weiteren mit den Teilnehmenden des Jubiläumsevents statt. Sie widmeten sich neuen Kommunikationswegen, neuen Aktions- und Protestformaten sowie der Selbsthilfe zwischen Selbstvertretung und Betroffenenvertretung.

Übergreifend kristallisierte sich nach der Zusammenfassung aller Workshops die Idee eines ehrenamtlichen „Schnell-Eingreif-Teams“ heraus, zusammengesetzt aus einer Hand voll Experten verschiedener Professionen, zum Beispiel Jurist oder Journalist. Es soll bei Bedarf durch spontane Aktionen vereinsübergreifend Aufmerksamkeit generieren und Öffentlichkeit mobilisieren – quasi die nächste Stufe der Zusammenarbeit.  

Leuchtturm-Projekte der Selbsthilfe

Es blieb an diesem Tag aber nicht nur bei Vorschlägen. Entsprechend dem von Gerlinde Bendzuck dargelegten Motto der LV – „Empowerment ist unsere Vision, Inklusion unsere Mission“ – zeigte eine Ausstellung im Rahmen der Jubiläumsfeier bis zum frühen Abend aktuelle Leuchtturm-Projekte verschiedenster Berliner Vereine. Die DMSG Berlin stellte neben Plan Baby und MS Connect Entstehung, Konzept und Alltag des Köpenicker Betreuungsverbunds vor: Dort leben Klientinnen und Klienten in elf Wohnungen in unmittelbarer Nähe, ein großer Gemeinschaftsraum dient als erweitertes Wohnzimmer. Im gleichen Haus haben die Sozialarbeiter/-innen ihre Stützpunktwohnung, um sie optimal betreuen zu können.

Obwohl der Tag in vielerlei Hinsicht aufzeigte, was in der Berliner Selbsthilfe bisher geschehen ist, gerade geschieht und zukünftig möglich ist, nutzte Gerlinde Bendzuck die Anwesenheit zahlreicher Persönlichkeiten aus der Politik auch für den Appell, dass es von deren Seite noch weit mehr ideelle und finanzielle Unterstützung braucht als bisher. Der größere Gedanke, der sich hinter diesem Appell verbirgt, zog sich, wie bereits mehrfach angedeutet, durch die gesamte Veranstaltung: Inklusion lässt sich nur gemeinsam verwirklichen!

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Menschen sprechen am Stand der DMSG-Berlin.