Psychische Bewältigung der Coronavirus-Pandemie

Die meisten Menschen haben noch nie eine Pandemie erlebt. Wie geht man mit der Angst vor dem Virus um, wie kann man Panik vermeiden und der Vereinsamung entgegenwirken? Diese und weitere Fragen beschäftigen viele von uns.

Angst, auf der einen Seite, ist zunächst einmal ein Motor, etwas in Gang zu setzen, klare Gedanken zu entwickeln und das zu tun, was auch für das Gemeinwohl sinnvoll und erforderlich ist. Panik, auf der anderen Seite, führt hingegen zu einem irrationalen Denken und kann zu unsozial empfundenen menschlichen Verhaltensweisen führen. Panik ist ansteckend und kann die Krise verschärfen, sie zeigt sich in Hamsterkäufen, zum Teil in aggressivem Verhalten und auch in panischem Fluchtverhalten.

Eine maßvolle Angst vor dem Coronavirus kann uns helfen durch entsprechendes Verhalten die Zahl der neu infizierten Menschen zu reduzieren, sodass die Kliniken nicht überfordert werden und in der Krise Menschen mit der Lungenentzündung behandelt werden können. Aus diesen Gründen gibt es die empfohlenen Schutz- und Hygienemaßnahmen, hierzu gehören auch Kontaktsperren oder die Einschränkung sozialer Kontakte.

Mit diesen Maßnahmen reduzieren wir darüber hinaus auch unsere eigene Angst. Menschliche Angst- und Stressreaktionen haben in der langen Evolutionsgeschichte der Menschheit erst das Überleben der Menschheit sichergestellt. Welches Ausmaß an Angst ist also angebracht? Wir müssen die Einschränkungen unserer sozialen Kontakte ernst nehmen, weil von unserem Verhalten das Leben der älteren und durch Erkrankungen gefährdeten Menschen abhängt.

Produktive Aktivitäten

Berichte der Medien führen im Einzelfall dazu, dass wir aufgrund unserer Angst einerseits die reale Bedrohung überschätzen und andererseits unsere Fähigkeit unterschätzen, die Krise zu bewältigen. Je intensiver die Medien hierzu verfolgt werden, umso eher besteht die Gefahr der Verunsicherung und Überforderung und damit auch des Risikos, posttraumatische Symptome zu entwickeln, wie sie aus Katastrophen bekannt sind.

Versuchen Sie deshalb, Medieninformationen zur Corona-Pandemie zu begrenzen, zum Beispiel auf zweimal täglich. Konzentrieren Sie sich für den Rest des Tages auf produktive Aktivitäten. Sie schützen damit Ihre seelischen Ressourcen. Die Panik darf nicht außer Kontrolle geraten. Besonders in den Monaten, in denen Erkältungen und Grippesymptome stark verbreitet sind, kann Panik dazu führen, dass wir körperliche Symptome sehr intensiv wahrnehmen oder diese sich besonders schlimm anfühlen, wenn der Verdacht auf eine Coronavirus-Infektion besteht.

Ergebnisse der Stressforschung als Orientierungshilfe

Die Stressforschung zeigt, dass eine anhaltend hohe psychische Stressbelastung das Immunsystem schwächen kann. Bei einer Panik wird im vordersten Stirnhirn die Hirnaktivität gehemmt. Damit wird unser Handeln und Denken weniger von Vernunft und mehr von Gefühlen bestimmt. Dies wiederum kann zu irrationalen, kaum durchdachten Reaktionen und Entscheidungen führen.

Ausufernde Angst führt zu Herdenverhalten. Anstatt rationale Entscheidungen auf der Grundlage von Daten zu treffen, neigen Menschen unter Panik dazu, der Herde zu folgen. Dies ließ sich sehr gut an dem Börsenverhalten im März dieses Jahres beobachten. Die Stressforschung redet hierbei von Panikimpulsivität. So kam es zu den viel berichteten Panikkäufen, zum Beispiel rund um das Toilettenpapier. Menschen meinen aus dieser Panik heraus durch Hamsterkäufe die Kontrolle über ihre Situation behalten zu können. Einen ernsthaften Versorgungsengpass hat es aber bisher nicht gegeben und wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht geben. Wirkliche Sicherheit entsteht nur durch die Einhaltung von Schutzmaßnahmen und durch gegenseitige Unterstützung. Wir müssen uns gegenseitig ermutigen vernünftig zu denken und zu handeln.

In der Geschichte der Menschheit haben wir immer wieder stressreiche Zeiten erfolgreich bewältigt. Wir sind also evolutionsbiologisch gut vorbereitet. Wenn wir als Menschen aber anhaltend überzogene emotionale Reaktionen zeigen, kann dies zu Veränderungen unserer Körperfunktionen führen, zum Beispiel zu psychosomatischen Krankheitsbildern.

Wie können wir die Ergebnisse der Stressforschung für uns nutzen? Zunächst einmal hilft es, zu akzeptieren, dass wir unsere Situation nicht ändern können. Hier trägt jeder Einzelne eine hohe Eigenverantwortung. Je mehr wir uns der Notwendigkeit sozialer Distanz (körperlicher Abstand) bewusst sind und diese einhalten, desto eher werden wir – wenn auch nur schrittweise – zur Normalität zurückkehren können. Die Situation von Covid-19 in Ländern wie Südkorea, Singapur, Taiwan und China zeigt, dass sich die Epidemie begrenzen lässt.

Die Angst vor dem Unbekannten und Unkontrollierbaren ist unvermeidlich, irrationale Angst und Panik sind jedoch weitaus schlimmer als ein aufmerksames Bewusstsein für unsere Ängste. Gehen wir deshalb achtsam mit uns um. Dies bedeutet, dass wir uns unserer Gedanken, Gefühle und tatsächlichen Erlebnisse bewusst werden. Nur so kommen wir in einen freundlichen, nachdenklichen Beobachtermodus. Wir können damit unsere Emotionen akzeptieren wie auch kontrollieren. Gehen Sie gut mit sich um, sagen Sie sich, dass im Moment Angst normal und fast unvermeidlich ist und dass Sie diese Angst weltweit mit allen Menschen teilen. Teilen wir unsere Menschlichkeit mit anderen, wir sind soziale Lebewesen. Dies ist unsere angeborene Stressreaktion. So können wir sowohl unser eigenes Leben schützen als auch – durch Mitgefühl – das Leben der anderen.

Emotionale Zuwendung und soziale Unterstützung

Seien Sie dankbar für die vielen kleinen Dinge, an denen Sie trotz allem Freude haben. Das wirksamste Mittel zur Stressreduktion sind emotionale Zuwendung und soziale Unterstützung. Wenn wir anderen helfen, fühlen wir uns meist besser. Auch wenn wir direkte soziale Kontakte meiden sollten, können wir über das Telefon sowie die digitalen Medien mit oder ohne Videoschaltung soziale Unterstützung leisten. Nachbarschaftshilfe – direkt oder vermittelt über die Netzwerke in den sozialen Medien – entwickelt sich bisher in bemerkenswerter Weise, wenn es darum geht, Lebensmittel oder Medikamente für ältere Menschen oder andere Menschen zu besorgen, die zu den Risikogruppen gehören. Gerade in der Krise können wir uns wieder vermehrt als Gemeinschaft definieren, wir können unseren sozialen Zusammenhalt stärken.

Vergessen wir nicht, dass nicht wenige Menschen auch ohne Krisenzeiten Vereinsamung erleben. Wir sollten uns aufraffen, Kontakte mit diesen Menschen zu pflegen, und damit zeigen, dass wir als Menschen in der Krise zusammenstehen.

Für das Leben in Zeiten von Kontaktsperren oder sozialen Kontakteinschränkungen sind die Medien mittlerweile voll von Hinweisen. Ganz wichtig ist ein strukturierter Tagesablauf mit festgelegten Zeiten von Aktivitäten und Ruhepausen. Das gilt für Singles ebenso wie für Familien. Jeder Mensch braucht auch immer wieder eine Rückzugsmöglichkeit. Diese sollten wir uns selbst wie auch den anderen einräumen. Lebensbereiche müssen neu abgesteckt werden, Gewohnheiten in Frage gestellt und lang Bewährtes muss teilweise aufgegeben werden.

Pflegen Sie Ihr soziales Netzwerk, auch aus der Entfernung heraus. Teilen Sie mit gut vertrauten Menschen Ihre Ängste. So können wir uns gemeinsam über aufkeimende Panikreaktionen hinwegsetzen. Hier kann die Fokussierung auf den eigenen Atem helfen – eine wissenschaftlich belegte Methode, Panik zu bekämpfen. Es ist keine leichte Zeit. Viele werden an Covid-19 erkrankte Menschen in ihrer Umgebung wahrnehmen. Bleiben wir Menschen und üben uns in gesellschaftlicher Solidarität mit den Gefährdeten.

(in Anlehnung an Darstellungen der Stressforschung von E. Epel und S. Entringer)

Autor: Priv.-Doz. Dr. med. Karl Baum

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Eine Frau sitzt zuhause auf dem Sofa und schaut auf ein Tablet in ihrer Hand.