Bildkollage mit Impressionen zur DMSG Berlin e.V.

Unheilbar optimistisch am Welt MS Tag

Berliner Landesverband zeigt auf der Messe „Miteinander Leben“ was geht


So ausführlich haben sie den Welt MS Tag in Berlin noch nie gefeiert: Drei ganze Tage, vom 24. bis zum 25. Mai, standen Mitglieder und Mitarbeiter des Berliner Landesverbandes der DMSG auf der Messe „Miteinander Leben“ den Besuchern, Neugierigen und Betroffenen Rede und Antwort – ganz dem Motto verpflichtet: „Unheilbar optimistisch“. Wo sonst das bunte, internationale Modevolk in der Station Berlin an der Luckenwalder Straße die neuesten Trends scouted, hatten mehr als 100 Selbsthilfe-Vereine, Verbände, Unternehmen und Privatleute Stände aufgebaut, die sich allesamt mit dem Thema Gesundheit, Leben mit Behinderung und eben Selbsthilfe befassten.

 „Wir wollen zeigen, dass man auch mit unheilbarer Krankheit unheimlich viel machen kann“, kündigte der neue Öffentlichkeitsarbeitschef des Berliner Landesverbandes, Joachim Radünz, am Donnerstag zur Messe-Eröffnung an. Und den Beweis blieb die DMSG nicht schuldig: Die MS-kranke Bloggerin Samira Mousa las vor aus ihrem im Selbstverlag herausgebrachten Buch „Und morgen Santiago: Auf dem Jakobsweg zu mehr Zuversicht und Glück. Mit Multipler Sklerose“. „Eine Premiere“, strahlte die 28jährige am Donnerstagnachmittag vor dem neugierigen Publikum. Vor fünf Jahren erhielt die Veranstaltungskauffrau die Diagnose MS und war danach wie paralysiert – bis sie sich entschloss, ihren Job zu kündigen und ihr Geld fortan mit einem Blog zum Thema MS zu verdienen. Doch ihren Frieden fand sie erst auf den 600 Kilometern, die sie im vergangenen Jahr auf dem Jakobsweg zurücklegte und zu einem handlichen, gut lesbaren, humorvollen Buch verarbeitete, das seit Januar im Handel ist. Eine berührende Geschichte, in der sie buchstäblich die Hosen runterlässt (um sie zu waschen) und sie am anderen Morgen nicht wiederfindet. Eine missliche Lage – bis sie von einer anderen Pilgerin eine Ersatzhose geschenkt bekommt, denn die hat zwei dabei. Man muss nehmen, was das Leben geben will - unheilbar optimistisch ist Mousa.

Gut besucht waren am Freitag die beiden getanzten Flashmobs für Menschen mit und ohne Behinderungen, die, wie im vergangenen Jahr, der australische Ballettmeister Andrew Greenwood leitete. Im sonnig-heißen Innenhof Hof der Messehallen ließ er die begeisterten Fans sich dehnen, strecken und die Herzen im gemeinsamen Takt schlagen. Wer wollte, konnte am Sonnabend gleich in zwei Workshops lernen, wie man quasi aus jedem Ausgangszustand „Into Dance“ gelangt – so heißt die Art des Tanzens, die Greenwood selbst für Menschen mit MS und Parkinson entwickelt hat.

Über neueste Erkenntnisse aus der MS-Forschung sprachen am Freitagmorgen Wissenschaftler aus der Charité. Professor Dr. Lutz Harms etwa hat sich in den vergangenen Jahren auf den Darm spezialisiert – und wie die nahezu unüberschaubare Vielfalt der dort lebenden Organismen das Immunsystem beeinflusst. Seine Kollegin Dr. Anja Mähler befasst sich bereits seit acht Jahren mit dem Thema Ernährung bei MS – und empfiehlt eine vorwiegend vegetarische Ernährung nach mediterranem Vorbild, günstiger Weise kombiniert mit dem so genannten „intermittierendem Fasten“ (nach dem innerhalb von acht Stunden gegessen werden darf, 16 Stunden lang jedoch nicht). Denn das gebe dem Körper Gelegenheit, sich der Reparatur beschädigter Zellen zu widmen – und helfe, Übergewicht zu vermeiden, das die MS-Symptome erfahrungsgemäß verschlimmert. Auch die Salzzufuhr gelte es im Blick zu behalten – 6 Gramm am Tag seien angeraten. Doch nicht selten nähme man bis zu einem Drittel mehr auf. Fitness ist ebenfalls ein entscheidender Faktor: Mähler empfiehlt, auf Nikotin zu verzichten und leichten Sport - etwa drei Mal in der Woche eine Stunde walken. Und zwar am besten in der Sonne, riet Professor Dr. Friedemann Paul, der in seinem Vortrag auf „Nutzen und Schaden von Nahrungsergänzungsmitteln“ bei MS einging. Von all den Mitteln und Mittelchen, die derzeit als hilfreich beworben werden von einer eifrig nach Gewinn strebenden Industrie hält er wenig: „Es gibt keinen Beleg für ihre Wirksamkeit“, fasst er zusammen. Derzeit liefen noch einige Studien zu Vitamin D und Biotin, doch vor Ende 2019 sei mit keinen Ergebnissen zu rechnen. Wer einnehme, was angeboten werde – auch von mitunter dubiosen Internetanbietern – laufe stets Gefahr, Neben- und Wechselwirkungen hervorzurufen. Sicher sei nur, dass üblicherweise der Vitamin-D-Spiegel in hiesigen Breiten an neun Monaten im Jahr zu niedrig sei – eine halbe Stunde Sonnenbad am Tag – keine Sonnenbank! – sei daher eine gute Sache.

Am Freitagnachmittag fasste der DMSG-Vorstandsvorsitzende, Priv.-Doz. Dr. Karl Baum, den Stand der Dinge zusammen: „Steigende Zahlen bei MS – Eine Herausforderung für die Gesellschaft“, so der Titel. Erfreulicherweise sei die Zahl der Therapie-Möglichkeiten in den vergangenen Jahren rasant gestiegen, doch jüngste Krankenkassen-Studien zeigten auch, dass die Zahl der von MS Betroffenen weitaus höher liege als bislang angenommen. So sei man bislang in Berlin von 6000 Erkrankten ausgegangen – tatsächlich seien es jedoch eher 10.000, in Brandenburg noch einmal 6000 Menschen. „Eine Verdoppelung der Fallzahlen in nur 15 Jahren“, stellte Baum fest. Deutschlandweit sei die Quote in Schleswig-Holstein jedoch noch höher; weltweit finde sich die MS überall dort, „wohin jemals Europäer ausgewandert sind“. Man müsse damit rechnen, dass die Fallzahlen weiter steigen würden, auch, wenn „MS keine Erbkrankheit“ sei. Die zunehmende Erkrankungs- und Behinderungsrate werde die jeweiligen Gesundheitssysteme merklich belasten, stellte der Spezialist, Leiter des MS-Schwerpunktzentrums in Hennigsdorf, fest. Daher sei es nötiger denn je, frühzeitig eine Therapie zu beginnen, um Behinderungen so lange wie möglich herauszuschieben.

Genau deshalb, betonte die Geschäftsführerin des DMSG-Landesverbandes Berlin, Karin May, sei es so wichtig, die Öffentlichkeit so gründlich wie möglich zu informieren, die Betroffenen aufzufangen mit professioneller Hilfe, aber vor allem mit der mitfühlenden Begleitung durch Ehrenamtliche, wie sie an den drei Messetagen so zahlreich vor Ort waren – gut kenntlich an schwarzen T-Shirts mir orangefarbener Aufschrift. Übrigens allesamt unheilbar optimistisch.

Stefanie Schuster






Am Sonnabend gehörte der selbst an MS erkrankte Zeichner und Karikaturist Phil Hubbe zu den Höhepunkten. Unermüdlich signierte er seine noch druckfrischen Kalender und stellte sich im ausführlichen Interview seinen Fans vor.



Mit zwei Flashmobs ließ der australische Ballettmeister Andrew Greenwood die Besucher IntoDance und die Herzen in Gleich-Takt fallen – jedes Mal ein großer Spaß für alle.




Die Trommelgruppe der DMSG, ein gut eingespieltes Team, eröffnete die Messe „Miteinander Leben“ unter der Leitung von Jürgen Horvath. (4. von links)




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