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Früh hilft viel: Neurologen raten zu vorbeugender Immuntherapie bei schubförmiger MS

Priv.-Doz. Dr. med. K. Baum

 

In den ersten Jahren der schubförmigen MS-Erkrankung bilden sich Schübe meist vollständig zurück. Dies hängt unter anderem mit der Fähigkeit des Gehirns zusammen, eingetretene Schäden durch Übernahme der Funktionen in gesunden Hirnregionen auszugleichen. Diese Fähigkeit wird Neuroplastizität genannt.

 

 

Entmarkungsherde sind gefährlich

 

Voraussetzung dafür ist das Vorhandensein ausreichend großer, gesund gebliebener Hirnareale. Je mehr Hirngebiete jedoch von so genannten Entmarkungsherden betroffen sind, umso geringer fällt die Lernfähigkeit aus. Wenn statistisch eine Schwelle von etwa 4,0 auf der Behinderungsskala der MS (EDSS) überschritten wird, geht die Neuroplastizität zunehmend verloren. Für viele, aber nicht alle Patienten bedeutet dies einen Point of no return. Daher liegt das Ziel der vorbeugenden MS-Therapie darin, eine wirksame Behandlung vor Erreichen dieses Point of no return umzusetzen.

 

Es gibt genaue Daten des Krankheitsverlaufes ab dem 1. Schub. In der größten und am besten dokumentierten Studie (BENEFIT) wurde gezeigt, dass weniger als 4 Prozent dieser Patienten in den ersten Jahren nach dem ersten Schub ohne jegliche Zeichen einer erneuten Krankheitsaktivität sind. Oft bleibt die Neubildung von Entmarkungsherden unbemerkt, da mehr als 80 Prozent des Gehirns keine neurologische Steuerungsfunktion aufweist.

 

Medikamente der ersten Wahl:

 

Ab Mitte der 1990er Jahre wurden in der vorbeugenden Immuntherapie die verschiedenen Beta-Interferon-Medikamente zugelassen. In den vorausgegangenen Zulassungsstudien wurde im Vergleich zur Scheinbehandlung jeweils gezeigt, dass diese Medikamente, wie auch das später zugelassene Glatirameracetat, wirksam sind in dem Sinne, dass das Fortschreiten der Erkrankung gebremst wird, das heißt weniger neue Entmarkungsherde, damit weniger Schübe und eine geringere Behinderungszunahme.

 

Neben diesen Medikamenten der ersten Wahl wurden dann in den vergangenen Jahren zwei weitere Medikamente ebenfalls als Medikamente der ersten Wahl zugelassen. Sowohl Teriflunomid als auch Dimethylfumarat erwiesen sich in den Zulassungsstudien bezüglich der Krankheitsaktivität (Schübe, Behinderungszunahme, Entmarkungsherde im MRT) als wirksam.

 

Während für die als Medikamente der ersten Wahl zugelassenen Medikamente Teriflunomid und Dimethylfumarat aufgrund der Kürze der Zeit noch keine ausreichenden Langzeitdaten vorliegen, gibt es diese Langzeitdaten für die vorausgegangene Medikamentengeneration der Beta-Interferone und von Glatirameracetat. Für Beta-Interferone konnte z. B. gezeigt werden, dass bei konsequenter Anwendung die Wahrscheinlichkeit, im Rollstuhl zu landen, nach 16 Jahren um 70 Prozent geringer ausfällt. Nach 21 Jahren konsequenter Anwendung fiel die Sterblichkeit deutlich (signifikant) geringer aus.

 

Bei ca. einem Viertel der Patienten erweisen sich aber die Medikamente der ersten Wahl als nicht ausreichend wirksam. Hierfür gibt es die zugelassenen.

 

Medikamente der zweiten Wahl:

 

Natalizumab, Fingolimod, Alemtuzumab, Daclizumab (in der Einschätzung des ECTRIMS-Kongresses 2016 eher Medikament der zweiten Wahl) und (kaum mehr im Einsatz) Mitoxantron.

 

Insgesamt lassen sich die meisten schubförmigen Verläufe gut behandeln.

 

Einige wenige Patienten zeigen von Anfang an eine hochaktive Erkrankung. Bei diesen Patienten können unter bestimmten Voraussetzungen Medikamente der zweiten Wahl von Anfang an eingesetzt werden: Natalizumab, Fingolimod, Alemtuzumab, Daclizumab.