Bildkollage mit Impressionen zur DMSG Berlin e.V.

Diagnose

Die Diagnose der MS kann anfänglich schwierig sein. Erstsymtome sind oft undeutlich, weil sie meist unsichtbar sind, oft nur temporär auftreten und wieder verschwinden. Beschwerden werden oft von Außenstehenden als subjektiv, neurotisch oder hypochondrisch betrachtet.

Der zunächst aufgesuchte Hausarzt zögert in der Regel einen MS-Verdacht auszusprechen. Der Neurologe legt sich diagnostisch erst dann fest, wenn Belege für neurologische Störungen in wenigstens zwei verschiedenen Regionen des zentralen Nervensystems vorliegen und diese Symptome in zwei Schüben auftraten, die mindestens einen Monat auseinander lagen und 24 Stunden andauerten oder aber spezifische Befunde in der Kernspintomographie (MRT, Magnet-Resonanz-Tomographie) vorliegen.

 

Für eine definitive Diagnose kommt erschwerend hinzu, dass die frühen Erscheinungsformen der MS auch bei anderen Leiden auftreten können, die ausgeschlossen werden müssen. Letzte Sicherheit über die tatsächliche Erkrankung der MS erlangen Betroffene erst nach einer eingehenden Anamnese durch den behandelnden Neurologen und nach der Durchführung modernster medizintechnischer Verfahren wie die o.g. MRT, elektrophysiologischer Untersuchungen und meistens einer LP (Lumbalpunktion) .

Tritt bereits zu Beginn der Erkrankung ein klassisches Symptom der MS auf, wie z.B. die „Opticusneuritis“, oder hat der Arzt einen entsprechenden Verdacht,wird er  weitergehende Untersuchungen veranlassen, um eine MS-Diagnose zu sichern oder auszuschließen. Nicht selten bleibt zunächst eine gewisse Unsicherheit bestehen.

 

Die MS-Diagnose ist für Betroffene wie auch Angehörige immer ein Schock. Schreckensbilder von völliger Immobilität, Pflegebedürftigkeit und totalem Abbruch aller normalen Lebensbezüge machen sich breit. In dieser Anfangsphase wird oft nicht realisiert, dass der Verlauf der MS individuell sehr unterschiedliche Schweregrade aufweist und die körperlichen Einschränkungen keineswegs immer zur Berufsunfähigkeit und Ausschluss aus dem gesellschaftlichen Leben führen. Zudem kann die moderne Medizin heute den Krankheitsverlauf in den meisten Fällen positiv beeinflussen. Die meisten MS-Betroffenen können trotz dieser Krankheit ein produktives und sinnhaltiges Leben führen.

 

Untersuchungsmethoden

Bis zur endgültigen Diagnosestellung der MS werden eine Reihe von Untersuchungsmethoden durchgeführt.

Anamnese

Der Arzt befragt den Patienten nach Beginn und Entwicklung der Beschwerden. Frühere leichte und nicht beachtete Störungen, z.B. vorübergehende Kribbelmißempfindungen, können für ihne wichtig sein. gelegentlich bezieht er die Beobachtung und Feststellung von Angehörigen und Drittpersonen mit ein.

Blutuntersuchung

Der Nachweis der MS im Blut ist bisher nicht möglich. Blutuntersuchungen dienen aber dem differenzialdiagnostischen Auschluß anderer Erkrankungen.

Neurologische Untersuchung

Der Arzt prüft die Hirn- und Nervenfunktionen (Neurostatus).  Die Untersuchung schließt die Funktion der Hirnnerven und Sinnesorgane wie z.B. das Sehvermögen, die Sprache, die Schmerz-und Berührungsempfindung, die Muskelkraft  und ggf. Tonuserhöhiungen (Spastik), die Koordination und Weiteres ein.

Evozierte Potenziale

Elektrische Signale, die nach einer wiederholten Stimulation bestimmter Nerven zum Gehirn geleitet werden und hier über am Kopf aufgelegte Elektroden erfaßt werden können,   geben Auskunft über die normale oder gestörte Leitfähigkeit bestimmter Nervenbahnen. Bei MS kann die Erregungsleitung verzögert oder ganz unterbrochen sein. Von besonderer Bedeutung, auch für die Frühdiagnose, sind die schmerzlos ableitbaren visuell evozierten Potenziale (VEP), die Auskunft über die Funktion der Sehnerven geben.

Lumbalpunktion (LP)

Aus dem Rückenmarkskanal wird etwas Nervenwasser entnommen (Liquor). Finden sich in dieser Flüssigkeit eine erhöhte Zellzahl und/oder sog. oligoklonale Banden, also eine Art Eiweißmuster, kann man auf entzündliche Prozesse im zentralen Nervensystem schließen.

Magnetresonanztomographie (MRT)

Die hochempfindliche MRT nimmt heute in der Diagnostik und Verlaufsbeurteilung der MS eine zentrale Stellung ein. Das zentrale Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) wird mittels eines starken Magnetfelds (keine Röntgenstrahlen) bildlich dargestellt. Durch ein Kontrastmittel (intravenös) können aktive Entzündungsherde sichtbar gemacht werden. Das Alter der Läsionen und Ausmaß der Zerstörungen des Gewebes werden durch verschiedene MRT- Messmethoden darstellbar.

Elektroenzephalogramm

Das EEG wird nur in seltenen Fällen als zusätzliche Untersuchung nötig.

 

Diagnostische Kriterien

Um die Diagnose MS zu stellen, müssen spezielle Kriterien erfüllt sein. Heute allgemein akzeptiert werden die sog. Mc Donald-Kriterien herangezogen (letzte Revision 2010) Während frühere Kriterien der Untersuchung des Liquors einen hohen Stellenwert einräumten (Poser 1983), wird heute die Bedeutung der MRT-Bildgebung betont..
Verfeinerte Untersuchungsmöglichkeiten der MRT und entsprechende wissenschaftliche Erkenntnisse haben diesen Wandel herbeigeführt. Grundprinzip ist der Nachweis einer sog. räumlichen (ZNS) und zeitlichen Dissemination sowie der Ausschluss einer alternativer Diagnosen.

 Die Diagnosestellung „MS“ kann danach gestellt werden, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind:


Klinische Präsentation

Zusätzlich erforderliche Daten
 
  • Zwei oder mehr Schübe
  • Zwei oder mehr klinisch objektivierbare Läsionen
    oder
  • Objektiver klinischer Nachweis einer Läsion und angemessenen Beweis für einen vorangegangenen Schub
 


Keine

 
  • Zwei oder mehr Schübe;
  • objektivier klinischer Nachweis einer Läsion
 


Räumliche Dissemination, Nachweis durch MRT

oder Abwarten eines weiteren Schubes anderer Lokalistaion

 

 
  • Ein Schub;
  • objektiver klinischer Nachweis von zwei oder mehr Läsionen
 


Zeitliche Dissemination , Nachweis durch MRT

oder Abwarten eines zweiten klinischen Schubes

 
  • Ein Schub
  • objektivierbarer klinischer Nachweis einer  Läsion

 



Nachweis einer räumlichen Dissemination durch MRT

oder Abwarten eines weiteren klinischen Schubes anderer Lokalisation

und Nachweis einer zeitlichen Dissemination (MRT)

 



Schleichende neurologische Progression, vereinbar mit MS (PPMS)



Kontinuierliche klinische Progression (retrospektiv oder prospektiv bestimmt) über ein Jahr
und
zwei der drei folgenden Punkte:

  • räumliche Dissemination im Gehirns (MRT) mit einer oder mehr T2-Läsionen in charakteristischer Region
  • räumliche Disemination des Rückenmarks (MRT) (zwei oder mehr T2-Läsionen)
  • positiver Liquorbefund (Oligoklonale Banden/Intrathekale IgG-Synthese)
 

Klinische Bewertungen

Schwere und Art der Beeinträchtigung durch Multiple Sklerose werden mittels einer Skala, der so genannten Kurtzke-Skala, erfasst. Diese wird auch EDSS- Einteilung genannt (Expanded Disablity Status Scale) und liefert detaillierte Angaben über den Behinderungsgrad auf einer Skala von 1-10. Mit Hilfe dieser Skala stellt der Arzt immer wieder neu fest, welche Einschränkungen auf Grund der MS vorliegen. Er kann so den Krankheitsverlauf nach international einheitlichen Kriterien erfassen. Die Skala basiert auf einer standardisierten neurologischen Untersuchung, anhand derer acht Funktionssysteme bewertet werden: Kleinhirn, Hirnstamm, Motorik, Blase-und Mastdarm, Sehvermögen, Sensibilität, mentale und andere Funktionen. Neue Skalen, die zurzeit entwickelt werden, sollen noch weitere funktionale Beeinträchtigungen, (z.B. durch kognitive Störungen oder erhöhte Erschöpfbarkeit - Fatigue-) berücksichtigen.

 

Kurtzke- oder EDSS Skala

Einteilung der neurologischen Defizite bei MS nach Kurtzke
(Expanded Disability Status Scale) Punktwert 0 bis 10

PunktwertBeschreibung

0,0

normaler neurologischer Untersuchungsbefund

1,0

keine Behinderung, geringfügige Störung in einem funktionellen System

1,5

keine Behinderung, geringfügige Störung in mehr als einem funktionellen System

2,0

leichte Behinderung in einem funktionellen System

2,5

leichte Behinderung in mehr als einem funktionellen System

3,0

mässige Behinderung in einem funktionellen System, oder leichte Behinderung in drei oder vier funktionellen Systemen, aber volle Gehfähigkeit

3,5

mässige Behinderung in zwei funktionellen Systemen, und leichte Behinderung in einem oder zwei funktionellen Systemen, aber volle Gehfähigkeit

4,0

gehfähig ohne Hilfe und Ruhepause für mindestens 500 Meter, am Tag während 12 Stunden aktiv trotz relativ schwerer Behinderung

4,5

gehfähig ohne Hilfe und Ruhepause für mindestens 300 Meter, ganztägig arbeitsfähig , aber mit gewissen Einschränkungen wegen relativ schwerer Behinderung

5,0

gehfähig ohne Hilfe und Ruhepause für mindestens 200 Meter, Behinderung schwer genug, um tägliche Aktivität zu beeinträchtigen

5,5

gehfähig ohne Hilfe und Ruhepause für mindestens 100 Meter, Behinderung schwer genug, um tägliche Aktivität zu verhindern

6,0

mit einseitiger oder zeitweiliger Unterstützung ohne Ruhepause gehfähig für etwa 100 Meter

6,5

mit dauernder, beidseitiger Unterstützung ohne Ruhepause gehfähig für etwa 20 Meter

7,0

unfähig, auch mit Unterstützung, mehr als 5 Meter zu gehen; weitgehend an den Rollstuhl gebunden, der ohne Hilfe benutzt werden kann

7,5

unfähig, mehr als ein paar Schritte zu gehen; an den Rollstuhl gebunden, der mit Hilfe benutzt wird

8,0

weitgehend an Bett oder Rollstuhl gebunden, pflegt sich weitgehend selbstständig mit meist gutem Gebrauch der Arme

8,5

auch während des Tages weitgehend ans Bett gebunden, teilweise selbstständige Pflege mit teilweise nützlichem Gebrauch der Arme

9,0

Bettlägerigkeit , aber Nahrungsaufnahme und Verständigungsvermögen erhalten

9,5

Völlige Hilflosigkeit mit gestörter Nahrungsaufnahme und Verständigung

10

Tod durch MS



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