Sexualität
In zahlreichen Studien von 1969 bis heute sind sexuelle Funktionsstörungen bei Menschen mit MS untersucht worden.
Zwischen 38% und 100% der befragten Personen berichten über Störungen oder Beschwerden in ihrer Sexualität, wobei die Frauen insgesamt weniger betroffen sind (45%-74%) als die Männer (55%-94 %).
Nun sind sexuelle Probleme auch bei nicht von MS-betroffenen Menschen durchaus normal: durchschnittlich 60% der Frauen und 50% der Männer berichten von dauerhaften oder temporären sexuellen Störungen.
Diese Tatsache macht es für MS-kranke leichter, ihre sexuellen Störungen zu thematisieren und über die Überwindung von Problemen und Hindernissen offen mit anderen Menschen auszutauschen oder professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.
MS kann Veränderungen hervorrufen, die die Art in der jemand seine Sexualität auslebte kann, beeinflusst. MS-Betroffenen erhalten sich jedoch ihre Fähigkeit, Liebe und Lust zu geben und zu empfinden, obwohl manchmal Mut und Kreativität für eine befriedigende sexuelle Aktivität und neue sexuelle Erfahrungen unerlässlich sind.
Wichtig ist es zu verstehen, wie die Symptome der MS den vielschichtigen Bereich der Sexualität beeinflussen können.
MS kann die sexuellen Empfindungen eines Menschen in unterschiedlicher Weise verändern.
Meistens wirken verschiedene Faktoren zusammen.
Diese können sowohl organisch als auch psychisch bedingt sein und direkte und indirekte Folgen der MS sein.
Im wesentlichem gibt es 3 Formen sexueller Funktionsstörungen:
die primäre, sekundäre und tertiäre Dysfunktion
Primäre Störungen entstehen durch MS-bedingte Läsionen im Gehirn und Rückenmark und führen zu Funktionsstörungen der Nervenareale, die bei den sexuellen Reaktionen beteiligt sind. Dies kann zum vollständigen Verlust der Libido (sexuelles Begehren), unangenehmen oder verringerten Empfindungen im Genitalbereich, reduzierter vaginaler Lubrikation (Scheidenflüssigkeit), Erektionsstörungen und Orgasmusproblemen führen.
Sekundäre sexuelle Funktionsstörungen stehen mit den körperlichen Veränderungen der MS im Zusammenhang, die die sexuellen Empfindungen indirekt beeinflussen: Müdigkeit, Schmerzen, Spastik, Blasen-und Darmschwäche, Zittern, Konzentrationsstörungen etc.
Tertiäre sexuelle Funktionsstörungen sind meist psychischen Ursprungs.
Die Unvorhersehbarkeit des Krankheitsverlaufs, die Einschränkungen und Veränderungen in verschiedensten Bereichen des Lebens, lösen Ängste und Depressionen aus, die generell lustfeindlich sind und zu Störungen der Libido führen.
Auch die allgemeine gesellschaftliche Einschätzung, die sexuelle Attraktivität nur den Gesunden, Schönen und Starken zubilligt, beeinflusst die Haltung zum eigenen kranken Körper negativ und resultiert oft in der Leugnung sexueller Bedürfnisse. Darüber hinaus führt die von der Krankheit erzwungene, veränderte Rolle zu einer größeren Abhängigkeit vom Partner und der manchmal nötige Wechsel von der Aktivität in die Passivität zu sexuellen Irritationen.
Frauenspezifische sexuelle Funktionsstörungen standen bisher in einschlägigen Studien und Forschungsprojekten im Hintergrund, obgleich zirka 80% während des Krankheitsverlauf keinen oder einen unbefriedigenden (40%) Geschlechtsverkehr haben.
Sexuelle Störungen beruhen hier überwiegend auf Defekten der Muskelspannung und der Blutstauung. So kommt es häufig zu verringerter Sinnesempfindung oder Überempfindlichkeit im Genitalbereich, reduzierter vaginaler Lubrikation, Schmerzen und Orgasmusschwierigkeiten. Die Evaluierung und Behandlung der frauenspezifischen Probleme ist schwieriger als bei Männern.
Viele Medikamente, die bei männerspezifischen sexuellen Funktionsstörungen wirksam sind zeigen bei Frauen wenig Wirkung.
Von MS-betroffene Männer leiden am häufigsten an Erektionsstörungen (ED- Erektile Dysfunktion), die durch Schädigungen des Rückenmarks, welche die Übertragung von Nervenimpulsen des Gehirns behindern, hervorgerufen werden. ED betrifft oft jüngere, MS-kranke Männer. Bei MS treten auch Ejakulationsstörungen auf, die durch eine Unterbrechung der Nervenbahnen verursacht werden. Über diese Art der Störung und deren Häufigkeit gibt es bisher nur wenige Studien. Auch ein niedriger Testosteronspiegel, der oft mit der MS einhergeht, beeinflusst die männliche Sexualität negativ.
Für die männlichen sexuellen Funktionsstörungen gibt es eine Reihe von wirksamen Medikamenten, die der Arzt nach sorgfältiger Evaluierung und Diagnostik verordnen kann.
Auch mechanische Hilfsmittel können erfolgreich eingesetzt werden.
Wichtigster Behandlungsgrundsatz ist, die sexuellen Störungen als gesamtheitliches Problem zu sehen und auch die vielen außersexuellen Aspekte zu berücksichtigen. Das gilt für Männer wie für Frauen.
Die Vorstellung von einer befriedigenden Sexualität muss erweitert werden und neue experimentierende, stimulierende Techniken mit einbeziehen.
Dabei ist es gut zu wissen, dass es Nervenbahnen gibt, die sexuelle Empfindungen und Reaktionen übertragen können und so weit verzweigt sind, dass sie nicht durch die MS beeinträchtigt werden.
Ein befriedigendes Ausleben der Sexualität, die von Symptomen der MS beeinträchtigt ist, erfordert Kreativität, Geduld und vor allem Kommunikation mit dem Partner/der Partnerin.
Besonders auf diesem Gebiet ist es wichtig, unter den MS-Betreuern, Ärzten und Therapeuten Ansprechpartner zu finden, die auf Sexualprobleme spezialisiert sind und zu denen man volles Vertrauen entwickeln kann.