Bildkollage mit Impressionen zur DMSG Berlin e.V.

Zwischen Chancen, Risiken und Nebenwirkungen:

Was bringen vernetzte Daten im Gesundheitswesen?

Von Stefanie Schuster

 

Die letzte Hürde, die der elektronischen Gesundheitskarte noch im Wege gestanden habe, bemerkt Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe, nicht ganz nebenbei, sei übrigens keine des Gesetzgebers gewesen. „Die Industrie hat länger gebraucht als erwartet, um die wirklich sehr komplexen Anforderungen auch zum Thema Datensicherheit umzusetzen.“ Das darf man ruhig als Seitenhieb verstehen, schließlich schieben die Entwickler häufig, wenn die Rede darauf kommt, die Verzögerungen auf schwerfällige und langwierige Vorgaben des Gesetzgebers.

 

Anfang Juni hatte der Herausgeber des Berliner „Tagesspiegel“, Sebastian Turner, zu den fünften Data Debates in die Räume des Telefónica BASECAMP in der Mittelstraße eingeladen. Das Thema: „Vernetzte Gesundheit – Herausforderung für den Datenschutz, Chance für die Gesundheit?“  Zu den prominenten Teilnehmern der Runde, die sich regelmäßig mit digitalen Themen befasst, gehörten neben Gröhe auch der Direktor des Hasso-Plattner-Institutes für Systemtechnik, Professor Christoph Meinel, der Geschäftsführer der Helios Kliniken, Francesco de Meo, und der Vorsitzende der Cyborgs e.V., Enno Park.

 

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe und der Dekan des Hasso-Plattner-Institutes für Systemtechnik,Professor Christoph Meinel diskutierten, bei den Data Debates unter anderem über Risiken und Nutzen der elektronischen Gesundheitskarte. Foto: Stefanie Schuster

 

Mit einigem Stolz stellte Gesundheitsminister Gröhe fest, dass gerade zuvor, am Nachmittag der letzte Test der elektronischen Gesundheitskarte mit positivem Ergebnis abgeschlossen worden sei. Längst wird die Karte erwartet, die dem Patienten, schnell abrufbar, seine wichtigsten Daten alle mit auf den Weg geben soll. 70 Millionen Krankenkassenmitglieder würden in Deutschland nun in absehbarer Zeit damit versorgt werden, kündigte er an.

Doch Gröhe denkt schon weit darüber hinaus: Der nächste Schritt müsse sein, spezielle medizinische Daten, die bei Kranken erhoben würden, so miteinander zu verknüpfen, dass man neue Erkenntnisse gewinne, um neue, effektive Therapien zu erarbeiten – und zwar bei großer Datensicherheit. Gerade in einer älter werdenden Gesellschaft sei das wichtig. Die Vernetzung von ambulanten und stationären Behandlungen werde eine größere Rolle spielen, aber auch die Telemedizin „und der Transfer von Expertise“, sagte Gröhe, „so dass auch das Kreiskrankenhaus in Templin vom Erfahrungsschatz der Berliner Charité profitieren kann. Denn Digitalisierung ist kein Selbstzweck.“

 

Ein ausführliches Exklusiv-Interview mit Bundesgesundheitsminister Hermann zum Thema Gesundheitskarte hören Sie hier:

 

Vor den Gefahren eines übermächtigen Datenschutzes warnte allerdings Professor Christoph Meinel vom Hasso-Plattner-Institut. Es sei geradezu widersinnig, anderen Ländern den Vortritt in Forschung und Entwicklung zu überlassen – viel leichter sei es, nach kalifornischem Vorbild gewisse Neuerungen erst mal zuzulassen, um in Pilotprojekten ihre Praxistauglichkeit überprüfen zu können. Setze man die Regulierung stets an den Anfang müsse es zu Verzögerungen. Dem in Industrie und Wirtschaft üblichen Entwicklungstempo könne der Gesetzgeber gar nicht folgen. „Manchmal erzähle ich meinen Studenten, dass es noch gar kein Internet gab, als ich studiert habe“, amüsierte sich Meinel. „Und die wundern sich dann, dass ich noch lebe.“

 

Ein ausführliches Exklusiv-Interview mit dem Direktor des Hasso-Plattner-Institutes zum Thema Gesundheitskarte hören Sie hier:

 

Doch alles lasse sich eben nicht im Netz und per Cloud weitergeben, bremste Franceso de Meo, Geschäftsführer der Helios Kliniken die Begeisterung für „papierlose  Krankenhäuser“, wie das Hamburger Universitätsklinikum in Eppendorf (UKE). „Wollten wir ganz auf Papier verzichten, dann müssten wir Arbeitsabläufe umstellen im Krankenhaus – deshalb haben wir davon Abstand genommen.“ Doch für das Sammeln von großen Datensätzen macht er sich stark. „Man muss aber den Datenschützern ebenso wie den Patienten erklären, warum man sie braucht – nämlich, um die Forschung voranzutreiben.“ Aus jedem Bundesland hätten die Helios-Kliniken von den Datenschutzbeauftragten, an die man sich habe wenden müssen, eine andere Antwort erhalten - „aber anders geht es eben nicht.“

 

Wie gut das funktionieren kann, das zeigte ein Versuch im Publikum: Die Besucher durften elektronisch über verschiedene Fragen abstimmen. Zweimal wurde ihnen jedoch dieselbe Frage gestellt – und zwar: „Was ist Ihnen bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens am wichtigsten?“ Und dieselben Teilnehmer stimmten, im Abstand von einer knappen Stunde, unterschiedlich ab. Links in hellgrün dargestellt finden sich die Antworten, die zu Beginn der Konferenz gegeben wurden – und rechts, in rot, die, die nach der Diskussion folgten. Die grundlegende Frage „Qui bono?“ – Wem nützt es? – scheint also die teilweise verhärtete Front zwischen Daten- Verweigerern und Fortschrittsoptimisten zu durchbrechen. Zum eigenen Nutzen.