Bildkollage mit Impressionen zur DMSG Berlin e.V.

DMSG-Veranstaltung zum Welt-MS-Tag: Mach´s selbst – bestimmt!

Kathrin Geyer und Karin May bedankten sich in einer kleinen Ansprache bei Dr. Peter Kratz für seine großzügige Einlage in die nach ihm benannte Stiftung, aus der er sich nun aus Altersgründen zurückzieht.

Textilkünstlerin Eva Brenner brachte nicht nur ihre Mode, sondern auch ihre und Assistentinnen mit, um ihre Kollektion vorführen zu lassen. Die Verschlüsse lassen sich auch mit steifen Fingern gut schließen – wie hier an der Hose.

Mit einem großen Symposium griff der Berliner Landesverband der DMSG am Sonnabend, dem 18. Juni, noch einmal das Motto des Welt-MS-Tages auf: „Unser Ziel ist es, unsere Mitglieder dabei zu unterstützen, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten – und zwar so selbstbestimmt wie möglich“, betonte DMSG-Geschäftsführerin Karin May in ihrer Begrüßung im Gemeindezentrum der Kirche an der Wilhelmsaue.

Psychologische Hilfe bei der selbstbestimmtem Lebensgestaltung leistete in den vergangenen Jahren der selbst an MS erkrankte Psychologe Norbert Künnecke; seine Arbeit wurde zum Teil auch finanziert durch die Dr. Peter Kratz Stiftung. Der Stifter selbst hatte bereits vor einiger Zeit seinen Rückzug aus deren Arbeit angekündigt. Vorstandmitglied Kathrin Geyer und Karin May dankten ihm für seine wegweisende Arbeit und seine großzügige Einlage, die vielen Betroffenen und Angehörigen geholfen hat, wieder neue Kraft zu finden.

Wie dornig und schwer zu beschreiten der Weg in größtmöglicher Unabhängigkeit war – und in Teilen immer noch ist – schilderte Dr. Sigrid Arnade in ihrem Vortrag über die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben e.V., deren Mitbegründerin sie ist. Die ehemalige Vorsitzende der DMSG ermunterte die Zuhörer ausdrücklich dazu, von ihrem Recht Gebrauch zu machen, das es ihnen gestattet, selbst Assistenten zu beschäftigen – und sich auch politisch eine Stimme zu verschaffen. Jüngstes Beispiel dafür ist die Protestaktion, die sie gemeinsam vor wenigen Wochen mit einigen anderen gestartet hatte. Am 11. Mai hatte sie sich mit 26 anderen Behinderten an ein Geländer am Spreeufer angekettet, um darauf aufmerksam zu machen, dass das neue, geplante Teilhabegesetz der Bundesregierung einen erneuten Verstoß gegen die UN-Behindertenrechtskonvention bedeuten werde.

Darüber, wieviel Kraft es koste, aber wieviel Gewinn es auch bringe, „eben nicht von einem unrasierten Kettenraucher am Morgen aus dem Bett gehoben zu werden“, sprach auch die aus Nürnberg angereiste Textilkünstlerin Eva Brenner. Seit 16 Jahren ist sie berentet wegen ihrer MS, und seither beschäftigt sie als Arbeitgeberin Teilzeitkräfte und Minijobber – „ein Kleinunternehmen“. Dennoch bringt sie noch genügend Energie auf, auch als Künstlerin zu arbeiten. Zu ihren bedeutendsten Werken gehört eine Reihe von Torsi, die sie aus Röntgenbildern geschaffen hat – und die im Ursprung alle deformierte Skelette zeigen. Die bemerkenswerte Ausstellung war zuletzt im Bamberger Dom zu sehen. Daneben hat es sich Eva Brenner jedoch zur Aufgabe gemacht, Schönheit ganz praktisch, in Form von Mode, in den Alltag zu bringen. Zu sehen war dies an einer Modekollektion, die sie von ihren Assistentinnen vorführen ließ. Der Clou: Alle Modelle sind so geschnitten, dass sie auch von  Menschen mit Behinderungen getragen, werden können. In der Zusammenarbeit mit dem Herforder Modelabel Connemara, das ebenfalls mit einer kleinen Kollektion angereist war, ist so auch eine Wickelbluse „Eva“ entstanden, die lediglich mit Bändern geschlossen wird – „und die kann ich sogar mit meinen steifen Fingern selbst schließen“, betonte Eva Brenner.

Wie sehr Technik das Leben erleichtern kann, schilderte Andreas Muchow, Geschäftsführer von  App-Sec-Network. Es wurde eine App zum Download vorgestellt, die dem Nutzer ein mobiles Notrufsystem mit der Möglichkeit des direkten Absetzen eines Notrufs an die örtliche Notrufzentrale bietet. Durch vorheriges Hinterlegen individueller Informationen und Notfallnummern ist diese App eine enorme Erleichterung für Menschen mit Seh-, Sprach- und Hörbeeinträchtigungen, aber auch eine Erleichterung für jeden nicht Beeinträchtigten. Denn wer ist schon in einer Notsituation völlig klar und im Stande ganz entspannt alle Fragen der Feuerwehr oder Polizei zu beantworten und dabei noch an persönliche Einschränkungen zu denken und diese klar zu kommunizieren? Durch die verschiedenen Konfigurationsmöglichkeiten übernimmt die App dies für den Nutzer. Ganz besonders daran – die so abgesetzten Notrufe werden in ein anerkanntes Notrufprotokoll gewandelt, welches den Rettungskräften dann auch den Einsatz gestattet.

Hochinteressant der abschließende Vortrag von Alexander Koch von Rollers e.V.: „Wie finde ich für mich den richtigen Rollstuhl?“ – ein Riesenthema, denn erfahrungsgemäß, so Koch, wisse man erst, nachdem man in seinem Rollstuhl drin sitze, was man wirklich gebraucht hätte.  Nicht bitter, doch völlig desillusioniert stellte er abschließend fest: „Der Händler, an den man sich wendet, geht davon aus, dass man selbst hilflos ist und gar nicht handeln kann, auch nicht über den Preis, doch das ist falsch.“ Neben vielen anderen nützlichen Hinweisen (allesamt nachzulesen auf der von ihm betreuten Homepage rollstuhl.check.net) gab er den Anwesenden vor allem eines mit: „Legen Sie die Verordnung erst ganz zum Schluss auf den Tisch – denn das ist Ihr einziger Trumpf.“

In den Pausen konnten sich die Mitglieder dann noch über weitere interessante Themen informieren lassen, inbesondere über die Angebote des Betreuten Wohnens der Berliner DMSG, die Hilfen des Vereins kommhelp e.V., ein Notfallhebekissen der Firma Mangar und einiges mehr.

Denn auch Hilfe sucht man sich am besten selbst – bestimmt.


Stefanie Schuster


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